Kinder wachsen heute in einer Welt auf, in der digitale Medien, soziale Ungleichheit und familiäre Belastungen gleichzeitig wirken. Schule soll Orientierung geben, Persönlichkeit fördern und Teilhabe ermöglichen – aber dafür reicht reine Wissensvermittlung oft nicht aus. Was fehlt, sind verlässliche Räume, in denen Kinder selbst gestalten, sich ausdrücken, Teamfähigkeit üben und Medien nicht nur konsumieren, sondern selber produzieren und auch (gemeinsam) reflektieren.

VUCA

Volatility (Volatilität), Uncertainty (Unsicherheit), Complexity (Komplexität) und Ambiguität (Mehrdeutigkeit)

Genau an dieser Stelle setzt das STORE Zukunftslabor als wiederkehrendem, stabilen Rahmen an, gedacht als eine Werkstatt, in der Kinder Woche für Woche erleben, dass sie sich und Objekte, Medien, Dinge, Ideen entwickeln und erleben können, dass sie etwas fertig machen, etwas zeigen und mit anderen zusammen besser werden können.

Minecraft

Im Zukunftslabor geht es um Selbstwirksamkeit. Kinder sollen nicht nur lernen, wie Tools funktionieren, sondern wie man Ideen in etwas Reales übersetzt: ein kleines Spiel, eine Figur aus dem 3D-Drucker, in eine Geschichte, ein Video. Medien werden nicht als passive Ablenkung behandelt, sondern als Material wie Papier, Holz oder Ton. Das verändert die Haltung: vom Konsum zum Machen, vom „Scrollen“ zum Gestalten, vom Gefühl, ausgeliefert zu sein, zu dem Gefühl, Einfluss nehmen zu können.

Dabei ist die technische Seite nur eine Hälfte. Die andere Hälfte ist sozial. Denn sobald Kinder zusammen ein Spiel bauen, eine Story entwickeln oder einen Prototyp testen, entstehen automatisch Fragen, die in klassischen Unterrichtssituationen oft schwer zu greifen sind: Wer übernimmt Verantwortung, geben wir Feedback, ohne zu verletzen? Wie gehen wir mit Frust um, wenn etwas nicht klappt? Wie entscheiden wir fair? Das Zukunftslabor nutzt diese Situationen nicht als Störung, sondern als Lernfeld. Teamrollen, kleine Sprints und feste Testphasen machen Zusammenarbeit konkret. Kinder lernen, nicht nur Ideen zu haben, sondern sie gemeinsam zu strukturieren, zu überprüfen und zu verbessern.

UNIT LEAR / TH KOELN 2016

Ein weiterer Kern ist der Ausdruck. Viele Kinder können mehr, als sie im Schulalltag zeigen dürfen – besonders dann, wenn Sprache, Tempo oder Aufmerksamkeit ihnen Grenzen setzen. Im Zukunftslabor zählt nicht nur der „richtige“ Satz, sondern auch das visuelle Denken, das praktische Probieren, das Erzählen in Bildern, Sound oder Spielmechanik. Manche Kinder finden über das Bauen oder Programmieren eine Stimme, die im reinen Reden nicht auftaucht. Andere erleben zum ersten Mal, dass ihre Perspektive interessant ist, weil sie sich durch Originalität auszeichnet.

Und weil es um Zukunftsfähigkeit geht, gehört auch KI ins Labor. Durchaus auch als eine Art Abkürzung, zum vereinfachen, aber auch als Anlass für kritisches Denken. KI kann Ideen anstoßen, Varianten erzeugen, Formulierungen anbieten oder Story-Twists liefern. Gleichzeitig lernen Kinder, dass KI Fehler macht, verzerren kann und Grenzen braucht. Nicht „KI macht das für mich“, sondern: „Ich nutze KI wie ein Werkzeug – und ich bin und bleibe verantwortlich.“

Damit ein solcher Raum funktioniert, braucht er Stabilität. Deshalb arbeitet das Zukunftslabor mit einer klaren Dramaturgie: Ankommen, Sprint, Test, Abschluss. Jede Einheit endet mit einem kleinen Ergebnis und einem nächsten Schritt. So entsteht ein Rhythmus, der Kindern Sicherheit gibt und gleichzeitig Neugier offen hält. Und es entstehen sichtbare Produkte. Nicht als Leistungsnachweis, sondern als Beleg: Hier ist etwas gewachsen. Hier hat jemand etwas gelernt, ohne dass es sich nach Prüfung angefühlt hat.

Das Ziel ist nicht, aus Kindern Programmierer:innen oder Designer:innen zu machen. Das Ziel ist größer und zugleich einfacher: Kinder sollen erfahren, dass sie gestalten können – ihre Ideen, ihre Medien, ihre Zusammenarbeit, und langfristig auch ihren Platz in einer Welt, die oft zu laut, zu schnell und zu unübersichtlich wirkt. Das STORE Zukunftslabor ist ein Angebot, das diese Erfahrung systematisch möglich macht: kreativ, strukturiert, sozial wirksam – und so gebaut, dass es im Ganztag, als AG oder als Projektwoche zuverlässig verankert werden kann.

MEDIENKOMPETENZ
RAHMEN NRW

Damit diese Lernprozesse nicht nur „spürbar“, sondern auch nachweisbar werden, ist das Zukunftslabor so aufgebaut, dass es sich direkt an den Medienkompetenzrahmen NRW anschließt und über den Medienpass NRW (insbesondere in der Grundschule) bzw. ein Portfolio (ab Klasse 5) dokumentieren lässt. Nach jeder Einheit kann ein kurzer Eintrag für den Medienpass notiert werden: ein konkretes Artefakt (z. B. ein spielbarer Game-Prototyp, ein 3D-gedrucktes Objekt, ein Video, ein Song oder ein Blog-Devlog), eine knappe Prozessnotiz (Was war die Idee? Was hat nicht funktioniert? Was wurde verbessert?), sowie ein Reflexionssatz (Was hat mich herausgefordert? Was habe ich gelernt? Was mache ich beim nächsten Mal anders?). Wo relevant kommt eine einfache Quellen- und Rechte-Notiz hinzu (z. B. verwendete Sounds/Bilder, Lizenz/Urheber). So wird sichtbar, dass Kinder nicht nur „irgendetwas Digitales“ gemacht haben, sondern Schritt für Schritt Kompetenzen in allen sechs Bereichen aufbauen. Von der sicheren Bedienung und Organisation über Informieren und Kooperieren bis hin zum Produzieren, Analysieren/Reflektieren und Problemlösen/Programmieren.

Digitale Ungerechtigkeit

Nicht alle Kinder starten unter denselben Bedingungen. „Ungleichheit“ meint dabei nicht nur weniger Geld und beengtes Wohnen, sondern gesundheitliche Belastungen, wenig Ruhe, wenig Zeit, wenig Begleitung, Eltern, die selbst unter Druck stehen und Probleme nicht immer auffangen können. Das bleibt im Schulalltag häufig unsichtbar, weil Armut im Klassenzimmer selten wie Armut aussieht. Gleichzeitig wirken gesellschaftliche Erzählungen weiter, die Erfolg oder Scheitern als reine Frage von Anstrengung und „Willen“ deuten. Für Kinder ist das fatal: Wer zu Hause weniger Schutzfaktoren hat, trägt mehr Stress, hat weniger sprachliche und emotionale Unterstützung und oft weniger Möglichkeiten, sich auszuprobieren – und genau das schlägt sich dann in Schule nieder, obwohl die Ursachen außerhalb liegen.

Digitalisierung verstärkt diese Schere zusätzlich. Während manche Kinder zu Hause begleitet lernen, Geräte teilen dürfen, Fragen stellen können und Unterstützung beim Einordnen von Medien bekommen, sind andere auf sich gestellt. Entweder mit zu viel unbegleiteter Medienzeit oder mit zu wenig Zugang zu produktiven Werkzeugen. Das Problem ist also nicht der „Bildschirm“ und die Screen-Time an sich, sondern fehlende Einbettung: fehlende Gesprächspartner, fehlende Orientierung, fehlende Alternativen für Ausdruck und Zugehörigkeit. Inklusion bedeutet vor diesem Hintergrund nicht nur, dass alle im selben Raum sitzen, sondern dass alle Kinder reale Chancen bekommen, sich zu zeigen, mitzumachen und Kompetenz aufzubauen – unabhängig von Tempo, Sprache, Herkunft oder familiärer Situation.

Genau hier wird das STORE Zukunftslabor zu einem inklusiven Setting. Es schafft einen Raum, in dem Anerkennung nicht an „richtige Antworten“ gebunden ist, sondern an Gestaltung, Prozess und sichtbare Entwicklung. Kinder können über Games, Prototypen, Storys, Sound oder Video ausdrücken, was sie beschäftigt, auch dann, wenn ihnen Worte fehlen oder der klassische Unterricht ihnen zu schnell ist. Statt Bewertung steht ein forschender Zugang im Zentrum: ausprobieren, scheitern, verbessern, gemeinsam testen. Diese ästhetisch-praktische Logik ist kein „Nice-to-have“, sondern eine Teilhabe-Architektur: Wer sonst oft übersehen wird, kann hier sichtbar werden; wer wenig gefragt wird, kann etwas zeigen; wer wenig Kontrolle erlebt, erlebt hier Selbstwirksamkeit. Und weil die Ergebnisse dokumentiert werden (z. B. im Medienpass/Portfolio), wird nicht nur das Produkt sichtbar, sondern auch der Weg dorthin: Idee, Iteration, Zusammenarbeit, Reflexion – als Gegenentwurf zu einer Kultur, in der Kinder allzu früh auf Defizite reduziert werden.

Emotionale Armut ist der blinde Fleck – nicht nur „zu viel Screen Time“

Wenn wir über Ungleichheit sprechen, hängen wir zu schnell am Geld. Der härtere Teil ist oft emotionale Armut: zu wenig verlässliche Aufmerksamkeit, zu wenig Co-Regulation, zu wenig Gespräche, zu wenig „Ich sehe dich“. Und das über Jahre. In vielen Familien ist das kein Charakterfehler, sondern Ergebnis von Dauerstress, Überforderung, Schichtarbeit, psychischer Belastung oder Konflikten. Das Kind bekommt dann zwar irgendwie Versorgung, aber kaum den Resonanzraum, in dem Sprache, Selbstgefühl und Frusttoleranz wachsen. Genau in diese Lücke rutschen Bildschirme: Sie beruhigen, besetzen Zeit, bieten Reize, aber sie ersetzen keine Beziehung.

Das sieht man auch daran, wie seriöse Forschung Screen Time misst: In der JAMA-Pediatrics-Studie von Hutton et al. wurde nicht nur „Minuten“ gezählt, sondern ein zusammengesetzter ScreenQ-Score, der u. a. Zugang, Nutzungsfrequenz, Inhalte und Co-Viewing (gemeinsame Nutzung/Interaktion) abbildet.  Höhere ScreenQ-Werte waren mit ungünstigeren Markern der White-Matter-Integrität in sprach- und exekutivfunktionsrelevanten Bahnen assoziiert – kontrolliert für Alter und Haushaltseinkommen (kleine Stichprobe, keine Kausalität).  Entscheidend ist der Mechanismus, den die Autor:innen selbst markieren: Es könnte weniger um „Bildschirm an sich“ gehen als um den Verlust von menschlicher Interaktionszeit (z. B. gemeinsames Lesen/Reden), die mit höherer Nutzung tendenziell sinkt. 

Genau deshalb ist Inklusion hier eine Strukturfrage: Kinder brauchen verlässliche Settings, die Resonanz, Ausdruck und Beziehung herstellen – nicht Moralpredigten über Minuten. Das STORE Zukunftslabor setzt dort an: Es macht Medien zu Material, verschiebt Kinder vom Konsum ins Gestalten und baut dabei bewusst Co-Regulation ein (Teamrollen, Feedbackregeln, gemeinsames Testen). So wird Medienbildung nicht zum Leistungstest, sondern zu einem Schutzfaktor – besonders für Kinder, deren Alltag sonst vor allem durch emotionale Knappheit geprägt ist.