Es ist ein unterhaltsames Zeichen der Zeit, das Schauspieler Ben Affleck neuerdings als KI-Experte auftritt. Immerhin hat er gerade seine KI-Firma Inter-Positive an Netflix veräußert.
Affleck sagt über generative KI: „AI can write you excellent imitative verse that sounds Elizabethan. It cannot write you Shakespeare.“ Und er reduziert ihr Prinzip auf Rekombination: „They’re just cross-pollinating things that exist. Nothing new is created. Not yet“
Wenn das jedoch dass Ausschlusskriterium für Kreativität darstellt, dann ist ein Großteil menschlicher Kulturproduktion ebenfalls „unkreativ“. Es. würde erklären, warum viele Produktionen so anspruchslos wirken.
Allerdings entstehen große Werke fast nie ex nihilo, also aus dem Nichts, sondern als Bricolage: aufnehmen, mischen, verschieben, umcodieren, remixen. Das „Neue“ liegt nicht im Rohmaterial, sondern in der neuen Ordnung, im neuen Einsatz.
Nietzsche schrieb dazu in Menschliches, Allzumenschliches: „Alle Großen waren große Arbeiter, unermüdlich nicht nur im Erfinden, sondern auch im Verwerfen, Sichten, Umgestalten, Ordnen.“
Außerdem erklärt er ironisch: „als ob die Idee des Kunstwerks, der Dichtung, der Grundgedanke einer Philosophie, wie ein Gnadenschein vom Himmel herableuchte. In Wahrheit produziert die Phantasie des guten Künstlers oder Denkers fortwährend, Gutes, Mittelmäßiges und Schlechtes, aber seine Urteilskraft, höchst geschärft und geübt, verwirft, wählt aus, knüpft zusammen.“
Wenn man Kreativität so versteht (Produktion + Auswahl + Umordnung), dann macht KI nicht „das Gegenteil von Kreativität“, sondern den generativen Teil davon in industriellem Maßstab: Varianten erzeugen, Stile kreuzen, Muster neu kombinieren. Die echte Streitfrage wäre dann nicht „kann KI Neues?“, sondern: Wer trägt Geschmack, Urteil, Verantwortung für die Auswahl? Affleck selbst nennt genau diesen Punkt: „Art is knowing when to stop“ als Grenze.
Affleck kritisiert KI als Rekombinationsmaschine; Nietzsche beschreibt Kreativität als Rekombination plus selektive Urteilskraft. Wenn Affleck recht hätte, müsste man auch vielen „großen“ Werken das Kreative absprechen, weil sie auf Vorlagen, Motiven, Stilgenen, Identitäts-Spielen aufbauen. Und wenn Nietzsche recht hat, dann ist Rekombination nicht die Schwäche, sondern der Rohstoff: Das Neue entsteht dort, wo jemand (Mensch oder Mensch+Maschine) konsequent scheidet, wählt, ordnet.
Das lässt sich zum Beispiel an Dr. Jekyll & Mr. Hyde von Stevenson zeigen, so etwas wie ein Ur-Modell für das Identitäts- und Doppelspiel: die Idee, dass eine Person zwei Seiten hat, zwei Stimmen, zwei Moralitäten. Von dort aus lässt sich vieles als Variation lesen: Patricia Highsmiths Der talentierte Mr. Ripley arbeitet ebenfalls mit Masken, Rollen und dem Testament-/Identitätsmotiv, nicht als Kopie, sondern als Verschiebung in eine modernere, soziale Welt, in der Zugehörigkeit gespielt und behauptet werden kann. Bret Easton Ellis’ American Psycho dreht diese Logik weiter ins Spätkapitalistische: das Böse ist nicht mehr ein Monster hinter der Tür, sondern ein sauber angezogener Mann, der seine Spaltung im Alltag auslebt, während um ihn herum die Oberfläche weiter perfekt bleibt. Dabei kopiert Easton Ellis sogar den Effekt einer Szene 1:1 in sein Szenario. Der Protgonist merkt, dass sein Gegenüber nicht richtig zuhört und variiert darafuhin die Bedeutung seiner Aussage von Mal zu Mal um mit der Absurdität des Nicht-Zuhörens zu spielen. Es gibt auch eine Bezugslinie zu Don DeLillo und Cosmopolis: als literarische Umgebung, in der Konsum, Sprache, Medien und die Kälte der Oberfläche zu einem System werden, aus dem heraus American Psycho gelesen werden kann.
Oder Hesse mit dem Glasperlenspiel als Denkfigur für Systeme, Spiele, Regeln und Bildung als Welt – und daneben J.K. Rowling, deren Harry Potter ebenfalls eine Welt baut, in der ein Spiel aus Regeln, Häusern, Prüfungen und symbolischen Ordnungen die Wirklichkeit strukturiert.
Im Film und in der Popkultur wird dieses Prinzip als Montage besonders sichtbar: The Matrix als radikale Bricolage. Zusammengesetzt aus Neuromancer (Gibson), Dark City und Ghost in the Shell: Motive, Bilder und Ideen werden gekreuzt, neu getaktet, neu aufgeladen, bis etwas entsteht, das trotzdem völlig einzigartig ist.
Die Macher von Strangers Things vermarkten die Logik des Wiederaufgreifens und sprechen offen über Filme und Szene, die sie absichtlich geremixed haben.
Musik, Filme, und am Ende das Storytelling, ist weniger Inspiration, und mehr Konstruktion. Seit Aristoteles gilt als Minimal-Logik: Eine Handlung, die „ganz“ sein will, hat Anfang, Mitte, Ende – und sie beginnt und endet nicht irgendwo, sondern so, dass Ursache und Folge spürbar ineinandergreifen. Freytag hat das später als Handwerk noch deutlicher gemacht: Exposition, ein erregendes Moment als Zündung, Steigerung, Wendepunkt, Fall und Auflösung, eine Dramaturgie also, die nicht „passiert“, sondern gebaut wird. Und die modernen, filmischen Paradigmen (z. B. Syd Field) sind im Kern nichts anderes: ein Setup, ein Incident, Plot-Points, Beats und Turns.
Dasselbe gilt für Lieder: Form und Funktion sind keine Nebensache. Refrain/Hook, Wiederholung als Werkzeug, Metrum, Prosodie (Text und Musik passen zueinander) – auch das ist nicht „Magie“, sondern Regelarbeit: Entscheiden, was bleibt; streichen, was verwässert; die Wirkung im Timing festnageln. Wenn man das akzeptiert, bekommt die Remix-These erst ihr volles Gewicht: Kreativität ist nicht nur Material mischen, sondern Material in eine Dramaturgie zwingen – damit ein Charakter nicht „beschrieben“, sondern unter Druck sichtbar gemacht wird.
Kann also eine KI irgendwann ein gutes Buch schreiben? Wenn ein Mensch drauf schaut: Ja. Und alleine? Vermutlich auch.
https://ew.com/ben-affleck-explains-why-its-highly-unlikely-ai-will-destroy-film-industry-8747503




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